Auf a Glas’l mit Francesco Palermo. Der unfreiwillige Politiker

palermo.barfuss (Interview mit Vera Mair am Tinkhof, erschienen auf http://www.barfuss.it/leute/der-unfreiwillige-politiker am 8. Februar 2016)

Francesco Palermo hat ein Amt und trotzdem eine Meinung: Der Senator über Politik, was am Autonomiestatut überarbeitet gehört und sein zwiegespaltenes Verhältnis zu Social Media.

Francesco Palermo erscheint pünktlich und gut gelaunt zum Interview in der EURAC-Bar in Bozen. Der Senator begrüßt den Kellner, bestellt einen Orangensaft und bringt sich in Position. Der anfängliche Verdacht, dass er seine letzthin eher negativen Erfahrungen mit einigenSüdtiroler Medien auch auf einen selbst projizieren könnte, lässt sich zumindest zu Beginn des Gesprächs durch seine entspannte Haltung nicht bekräftigen.

Palermo gilt als intellektuell – ein Attribut, das in der Politik nicht nur positiv behaftet, für seine anderen Tätigkeiten allerdings unabdingbar ist: Leiter des Instituts für Föderalismus- und Regionalismusforschung der EURAC, Lehrstuhl an der Universität in Verona in vergleichendem Verfassungsrecht, ehemaliger Berater für den Europarat und die OSZE. Einfache Parolen sind seine Sache deshalb nicht. Dementsprechend wählt er auch im Gespräch seine Worte mit Bedacht, holt oft lange sprachlichen und argumentativen Anlauf, bis er die Hürde der Antwort endgültig nimmt.

Herr Senator Palermo, laut Ihrem Lebenslauf sprechen Sie neben Deutsch, Italienisch und Englisch noch Spanisch, etwas Französisch und besitzen Grundkenntnisse in Serbokroatisch und Niederländisch. Sind Sprachen essentiell, um eine Kultur zu verstehen?
Sprache ist dazu sicherlich nicht das einzige Mittel, aber eine wichtige Voraussetzung. Mir hätte es auch gut gefallen, Sprachwissenschaftler zu werden. Als ich hier an der EURAC begonnen habe, habe ich auch im Bereich der Rechtsterminologie geforscht. Insgesamt interessiert mich das schon. Und gerade auch in der Rechtsvergleichung sind Sprachen besonders wichtig.

Auch in Ihrem Blog betonen Sie die Wichtigkeit von Sprache. Sie schrieben Artikel zu der von Ihnen so genannten „responsabilità delle parole“ und über das missverständliche Vokabular, das in der Politik gern verwendet wird.  
Das muss man aber differenzieren, denn dabei handelt es sich um zwei verschiedenen Ebenen: Einerseits haben wir als Politiker Verantwortung für die von uns verwendeten Worte. Diese sind oft so schlecht, weil sie Ergebnis eines Kompromisses sind. Ein interessantes Beispiel dazu wird uns nun bald mit dem Gesetz zur Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Paare begegnen. Da tauchen auch sicher wieder ein paar Begriffe auf, die der Rechtsordnung bislang total fremd sind, wie etwa „affido rafforzato“ – was soll das heißen? Das ist nicht klar. Der Grund dafür liegt im politischen Prozess, weil die Politik – und das ist auch gut so – immer den Kompromiss sucht und auch suchen soll. Das ist das eine.
Dann gibt es die zweite Ebene, und die ist noch schlimmer, glaube ich. Wenn wir über die Verantwortung für die verwendeten Worte sprechen, liegen wir im Bereich der politischen Kommunikation. Und da sind wir momentan auf einem miserablen Niveau. Denken Sie einfach mal an die Social Media: Die Sprache und Aggressivität, die da oft dahintersteckt, ist ja absolut unerträglich. Daher versuche ich in meinem öffentlichen Leben zum Beispiel nie über Personen zu reden, denn es geht nicht um eine persönliche Konfrontation, sondern um Themen. Und die Wortwahl muss dabei immer vorsichtig sein – auch wenn ich manchmal etwas aggressiver werden oder eine stärkere Wortwahl verwenden möchte, damit die Botschaft klarer wird. Aber ich bremse das immer, weil ich finde, eine gewisse Grenze der Würde darf in der Sprachwahl nicht überschritten werden.

„Damals, vor drei Jahren, ist eben ein Fenster aufgegangen. Jetzt allerdings bedauere ich das, muss ich sagen. Denn das Leben ist ja wirklich miserabel. Wenn ich zurückkönnte, drei Jahre zurück, würde ich nicht mehr kandidieren.”

Einerseits sind Sie als Wissenschaftler der Objektivität verpflichtet, andererseits als Politiker Vertreter von Interessen. Spüren Sie einen Konflikt zwischen den beiden Rollen?  
Nicht ganz, aber nur, weil ich eine besonders glückliche politische Rolle habe. Zum einen habe ich keine Partei und damit keinen Parteizwang. Außerdem versuche ich als Politiker das umzusetzen, was ich auch wissenschaftlich immer vertreten habe. Das sind Sachen, die bei mir nicht unbedingt im Widerspruch stehen, obwohl die Politik theoretisch natürlich immer mehr Subjektivität als Objektivität voraussetzt. Das ist auch richtig so, man muss den Wählern Ideen vorstellen und diese auf ihre Konsensfähigkeit prüfen. Aber ich habe eben auch keine politischen Ambitionen, strebe keine politische Karriere an. Damals, vor drei Jahren, ist eben ein Fenster aufgegangen. Jetzt allerdings bedauere ich das, muss ich sagen. Denn das Leben ist ja wirklich miserabel.

Wirklich?
Ja. Wenn ich zurückkönnte, drei Jahre zurück, würde ich nicht mehr kandidieren. Ich werde mich auch keiner neuen Wahl stellen. Aber das war damals eine besondere Zeit, das war eine historische Chance. Auf der Tagesordnung standen Reformen auf nationaler und lokaler Ebene, und es war ein unglaubliches Zeichen, dass die SVP mal hinter einem italienischsprachigen Kandidaten stand. Da waren wirklich alle Bedingungen gegeben und darum habe ich gesagt: Okay, warum nicht? Das ist eine große Ehre, und ich werde es versuchen – wohl wissend, dass das nicht mein Weg ist. Aber wenigstens kann ich dann nicht sagen, ich hab es nicht versucht. Ich glaube, dass es auch richtig ist, sich für die Gesellschaft einzubringen. Aber das wars. Deswegen hab ich auch immer Schwierigkeiten: Denn ich werde wie ein Politiker wahrgenommen, denke und rede aber nicht wie die meisten Politiker, weil ich keinen Konsens brauche. Ich habe natürlich auch meine Ideen und Positionen, hundertprozentig objektive Positionen gibt es ja nicht. Ich bin zum Beispiel für die Rechte von Homosexuellen. Da bin ich dafür und nicht dagegen. Das ist eine meiner klaren Positionen. Die ist aber nicht parteipolitisch, das interessiert mich nicht.

Hat der politische Alltag Sie enttäuscht?  
Ehrlich gesagt nicht. Ich hatte sehr niedrige Erwartungen. Ich habe wie viele andere gedacht, dass das Parlament so etwas wie ein Tiergarten ist, wo einfach nur verrückte Leute rumlaufen, die nur Blödsinn erzählen. Aber dann musste ich feststellen, dass das überhaupt nicht der Fall ist. Es gibt dort sehr viele engagierte Leute, und es ist wirklich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Sogar etwas besser! Ich habe dort viele nette Leute getroffen, die sich wirklich einbringen wollen, deren Beweggrund nicht persönliches Interesse ist. Was mich dagegen wirklich enttäuscht hat, ist die politische Kommunikation. Da ist wirklich nichts mehr zu retten, glaube ich.

Wie äußert sich das?
Hauptsächlich im Niveau: Es geht nicht um Argumente, sondern um Slogans, um persönliche Angriffe. Damit komme ich nicht zurecht. Ich weiß aber auch, dass ich das nicht ändern kann.

„Man schreibt und veröffentlicht etwas online, und dann kommt so viel Schwachsinn zurück. Warum muss ich mich angegriffen fühlen für Thesen und Meinungen, die natürlich nicht allen gefallen können? Das irritiert mich, und langsam habe ich auch die Nase voll.“

Sie sprachen vorhin auch von der schlechten Kommunikation in den Social Media und der Aggressivität, die sich dort laut macht. Dabei sind Sie selbst sehr Social Media-aktiv, auch beim Autonomiekonvent rufen Sie die Bürger zur Beteiligung auf. Glauben Sie denn nun an die Mündigkeit der Bürger und daran, dass die Diskussion mit ihrer Beteiligung eine bessere wird? 
Das ist ein Punkt, wo ich meinen persönlichen inneren Widerspruch zugeben muss. Ich habe sehr stark an die Änderungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Natur durch Social Media und der bürgerlichen Teilnahme geglaubt. Immer! Und ich habe auch immer gesagt: Die repräsentative Demokratie ist zwar wichtig, stößt aber an ihre Grenzen. Ich glaube sehr an die Art der Konsensfindung, bei der jeder die Möglichkeit hat, seine Meinung zu äußern, gute Argumente in die Diskussion einzubringen, und bei der letztlich eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird. Und ich glaube, Social Media wäre ein unglaublich wichtiges Mittel dazu. Dann musste ich leider feststellen, dass die Qualität des damit geführten Diskurses weit unter den Erwartungen bleibt. Deswegen bin ich auch immer weniger aktiv, habe auch immer weniger Lust, mich aus dem Fenster zu lehnen. Man schreibt und veröffentlicht etwas online, und dann kommt so viel Schwachsinn zurück. Warum muss ich mich angegriffen fühlen für Thesen und Meinungen, die natürlich nicht allen gefallen können? Das irritiert mich, und langsam habe ich auch die Nase voll. Die Leute sind vielleicht einfach mehr daran interessiert, ihre eigenen Positionen und manchmal auch ihren eigenen Frust loszuwerden, als eine konstruktive Diskussion zu schaffen.

Ändert das nun auch Ihre Meinung über den Autonomiekonvent und über die Möglichkeit der Bürger, sich dabei zu beteiligen und einzubringen? 
Noch nicht. (lacht) Vor allem weil ich denke, dass es auf die Dauer ja keine andere Art der Entscheidungsfindung gibt. Gerade bei solchen Themen sehe ich einfach keinen anderen Weg. Eine nicht vertretbare Alternative wäre einerseits Stillstand. So bliebe das Autonomiestatut immer fern von der aktuellen gesellschaftlichen Realität, und das ist demokratiepolitisch sehr schlecht. Denn wenn eine Verfassung, die das Statut ja ist, sehr weit entfernt von der Realität und der politischen Praxis ist, ergibt sich dadurch viel mehr Spielraum für politische Interessensgruppen, die sich profilieren wollen. Alternative Nummer zwei wäre eine rein politische Statutsänderung von oben herab. Die Politik aber denkt kurzfristig, und das macht eine langfristige Planung praktisch unmöglich. Und selbst wenn es möglich wäre, würde so eine Vorgangsweise von den Leuten nicht mehr akzeptiert werden. Die Leute würden zu Recht fragen: Wodurch ist das legitimiert?

Soll der Konvent den Bürgern nur das angenehme Gefühl geben, dass ihre Meinung zählt? Wie groß sind der Diskussionsrahmen und die Möglichkeit der Einflussnahme durch die Bürger denn wirklich?
Ich würde sagen, zuerst kommt es auf die Qualität der verschiedenen Ideen und deren Umsetzbarkeit an. Ich glaube, wir müssen uns auch bewusst sein, wofür solche Instrumente da sind: Es geht nicht um eine direkte Entscheidung der Bürger, sondern um ein Hilfsorgan für die politischen Entscheidungsträger. Das sind ja keine Revolutionsinstrumente, absolut nicht. Die bieten einfach die Möglichkeit, sich zu äußern und bestimmte Themen auch einzubringen – damit der Konsens etwas früher gefunden wird, damit auch neue Ideen kommen. Ich würde sagen, das ist eine wirkliche Hilfe für den Landtag, aber kein Ersatz für den Landtag.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte des Autonomiestatuts, die es zu überarbeiten gilt?
Ich glaube, das sind ziemlich viele. Weil unser Statut und das Regierungssystem dieses Landes immer noch dieselben sind wie 1948 zur Zeit des ersten Autonomiestatuts. Die Frage ist: Ist das Regierungssystem noch gut genug für die Herausforderung der Zukunft? Momentan geht es noch irgendwie, weil unser System bislang von einer einzigen Partei dominiert wurde. Das ändert sich zunehmend. Irgendwann werden wir feststellen, dass die institutionellen Strukturen veraltet sind. Deshalb gilt es etwa diese zu ändern, wie auch die Entscheidungsfindung insgesamt. Muss man etwa wirklich über alle Themen immer mehrheitlich entscheiden? Oder muss man versuchen, einen breiteren Konsens zu finden? Ganz konkret könnte man sich also vorstellen, dass auch im Statut festgelegt wird, dass für die Themen a, b, c, d eine einfache Mehrheit im Landtag nicht ausreicht.
Außerdem sehe ich in Rom jetzt absolut klar, dass der Landtag zu wenig Gesetze macht. Mit einer so stark ausgebauten Autonomie könnten wir viel mehr Gesetze machen und viel selbstständiger werden. Der Landtag macht nicht mal an die zwanzig Gesetze im Jahr. Und das italienische Parlament – das natürlich kein gutes Beispiel ist – zwei Gesetze pro Woche. Mehr lokale Gesetzgebung würde auch mehr Autonomie bedeuten bzw. den Ausbau der konkreten Autonomie. Zudem sind die wenigen Gesetze meist auch von schlechter Qualität. Es gibt natürlich auch positive Beispiele, aber das Niveau der meisten Gesetzestexte ist eher schlecht.
Ein konkreter Vorschlag für die Abänderung des Statuts könnte daher auch sein, eine Art Organ für die Vorprüfung der Landesgesetze einzurichten. Das haben bereits viele andere Länder in Europa und auch andere italienische Regionen mit Normalstatut gemacht. Das würde auch eine bessere Qualität der Gesetze mit sich bringen, und auch eine bessere Kontrolle der Demokratie. Dann wissen die Bürger klarer, wo die Lücken sind.

„Also, das Recht auf Unterricht in der Muttersprache – um Gottes willen, klar, das steht außer Frage!”

Darf Art. 19 und damit das Recht auf Unterricht in der Muttersprache angetastet werden? Oder ist das Thema zu emotional behaftet? 
Das Thema ist viel zu emotional. Und auch die Diskussion, wie sie bis jetzt stattgefunden hat, finde ich enttäuschend auf allen Seiten, weil die richtigen Themen nicht angegangen werden. Einerseits geht es gar nicht um Art. 19, denn schon international und verfassungsrechtlich gesehen ist es absolut klar, dass Minderheiten dort, wo es die Möglichkeit gibt, Recht auf Unterricht in der Muttersprache haben. Diese Möglichkeit gibt es in Südtirol. Das steht außer Frage. Wenn jemand aber sagt, wir müssen uns Gedanken über die Schule machen, wird aufgrund dieser idealisierten und banalisierten Kommunikation gleich gesagt, man sei ja gegen den muttersprachlichen Unterricht. Das ist ja absurd. Niemand sagt das. Das ist dasselbe, wie jetzt das Recht der homosexuellen Paare mit dem der Familie zu vergleichen.

Das eine schließt das andere nicht aus?  
Ja, das ist ja der Punkt. Dann heißt es gleich, mit der Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird die Familie gefährdet. Wieso denn? Die Familie bleibt so wie sie ist. Niemand spricht über die Familie, aber doch wird alles zusammengeworfen. Auch hier. Also, das Recht auf Unterricht in der Muttersprache – um Gottes willen, klar, das steht außer Frage!

Was könnten Sie sich also neben der klassischen Institution des muttersprachlichen Unterrichts als Alternative vorstellen? 
Etwa die Möglichkeit, auch mehr Sprachen anzubieten. Ich glaube, dafür braucht es keine Änderung des Art. 19. Ich hätte beispielsweise kein Problem, wenn zusätzlich zum existierenden Modell auch eine vierte Art der Schule kommen würde – besonders in bestimmten Bereichen und Bezirken. Bozen ist nicht das Martelltal.
Wir müssen uns auch Gedanken machen, was wird in zwanzig Jahren sein? Reden wir da immer noch über Deutsch und Italienisch, und dann kommt eine Vielzahl von Ingenieuren aus Indien, und wir haben das Nachsehen auf dem Arbeitsmarkt? Mehrsprachigkeit ist natürlich ein Mehrwert für alle. Die wirkliche Frage ist, wie unsere Gesellschaft kompetitiver werden kann, auch in Hinblick auf die Mehrsprachigkeit – denn wir sind keine Insel, wir sind mitten in Europa. Die Welt ändert sich. Mehrsprachigkeit gehört zu unserer Wettbewerbsfähigkeit dazu. Niemand stellt das Recht auf muttersprachlichen Unterricht in Frage. Ich sage einfach: Machen wir uns Gedanken. So sollte man die Diskussion angehen. Aber das wird überhaupt nicht gemacht. Dann wird wieder mal alles falsch ausgelegt, als wäre man gegen Art. 19 und gegen die Autonomie.

„Ich hab überhaupt kein Problem, eine andere Meinung als die „Dolomiten“ zu haben. Im Gegenteil, darüber freue ich mich! Aber ich kann nicht akzeptieren, dass mir etwas in den Mund gelegt wird, das ich nicht gesagt und nicht gedacht habe.”

Spielen Sie auf die OSZE-Rede in Wien und die Reaktion der Tageszeitung „Dolomiten“ darauf an?  
Das war ein Angriff. Ich hatte überhaupt nichts von dem gesagt, was mir in den Mund gelegt wurde, gar kein Wort! Stellen Sie sich vor, ich rede bei einer solchen Tagung über Südtirol, wo niemand sich für Südtirol interessiert. Ich bin ja nicht so provinziell. Das war eine gezielte Attacke gegen mich, und indirekt dann auch gegen die SVP. Das war eine parteipolitische Auseinandersetzung mit unwürdigen Mitteln. Aber das spricht ja gegen die Täter. Das hat mich so enttäuscht, weil ich da festgestellt habe, dass Südtirol überhaupt nicht reif für die Autonomie ist, die wir haben. Ich hab überhaupt kein Problem, eine andere Meinung als die „Dolomiten“  zu haben. Im Gegenteil, darüber freue ich mich! Aber ich kann nicht akzeptieren, dass mir etwas in den Mund gelegt wird, das ich nicht gesagt und nicht gedacht habe. Als wäre ich auf so einem miserablen Niveau, bei einer OSZE-Tagung über Südtirol zu reden. Nichts davon war über Südtirol, kein einziges Wort und kein einziger Gedanke.

Wurde das Ihrer Meinung nach vorsätzlich so ausgelegt oder einfach in der etwas eitlen Überzeugung, dass es halt um Südtirol gehen muss bei einer Tagung zum Thema Minderheiten? 
Nein nein, das war vorsätzlich. Das war ein Rechtsextremist, der das geschrieben hat, der nie mit mir geredet hat, ebenso wenig wie die Zeitung mit mir geredet hat. Durch diese Sache habe ich viel von der Qualität der Medien und der Politik verstanden. Wenn einfach nur eine weitere politische Laufbahn verhindert hätte werden sollen, hätte man das gar nicht tun brauchen, weil ich daran kein Interesse habe. Da stellt man sich dann aber schon die Frage: Wozu tut man sich das an? Ich versuche meinen Beitrag zu geben, aber so instrumentalisiert zu werden …
Ich will eigentlich nicht mehr darüber reden, denn es war so eine Enttäuschung, auch eine persönliche Enttäuschung. Übrigens: Das kommt hauptsächlich von Leuten, die sagen, dass Südtirol absolut anders als Italien sei – aber dabei sind das ja die schlimmsten Tricks, die in Italien in Presse und Politik verwendet werden! Ich weiß, dass die Politik, wenn in bestimmter Art und Weise geführt, schmutzig sein kann, aber sowas hatte ich nicht erwartet. Aber jetzt ist das Vergangenheit.

Zur Verfassungsreform: Ist Südtirol trotz zentralistischer Ausrichtung der Reform durch die Schutzklausel gut weggekommen?
Diese zentralistische Reform findet auf Südtirol gar keine Anwendung. Die grundsätzliche Richtung der Reform zu mehr Zentralismus ist sicher mit Skepsis zu betrachten. Aber das entspricht dem momentanen Zeitgeist. So wie vor zehn Jahren alle für die Regionen waren, ist es nun umgekehrt. Unser Handlungsspielraum war da beschränkt: Wir Südtiroler und Trentiner Politiker sind, wenn wir die ganze Region betrachten, zwölf Leute von fast 1.000. Die Richtung der Reform insgesamt könnten wir nicht bestimmen. Aber durch die Schutzklausel werden wir am Ende des Prozesses sogar stärker sein als zuvor.

Haben die Südtiroler Parlamentarier durch ihre Zustimmung zur Reform das Recht des Landes verwirkt, bei Verletzung der international verankerten Autonomie in Zukunft gegebenenfalls vor den Internationalen Gerichtshof zu ziehen? 
Wer hat das gesagt? Das ist totaler Blödsinn. Die Parlamentarier sind keine Landesvertreter. Es steht sogar in der Verfassung, dass Parlamentarier die Nation vertreten. Darum heißt das rechtlich gesehen, dass, wenn wir dafür gestimmt haben, nicht automatisch auch das Land dafür war. Außerdem schützt die internationale Verankerung die Grundpfeiler der Autonomie, die wichtigsten Ausdrücke der Minderheitenrechte wie Proporz, muttersprachlichen Unterricht und dergleichen – das ist alles festgehalten im Gruber-De-Gasperi-Abkommen. Finden Sie mir bitte eine Stelle in der Verfassungsreform, wo es darum geht! Diese internationale Verankerung ist absolut sicher und nicht zu beanstanden. Darum geht es bei der Verfassungsreform und der Überarbeitung des Autonomiestatus nicht.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das so überarbeitete Statut im Parlament angenommen wird?    
Das weiß kein Mensch, das kommt auch auf die Forderungen an, die wir stellen. Ich glaube, wenn wir gut spielen und uns auch nicht unangenehm gegenüber anderen machen, stehen die Chancen nicht so schlecht. Die Frage ist, was passiert in der nächsten Legislaturperiode? Denn in dieser kriegen wir es nicht mehr hin. In der nächsten Legislaturperiode wird der Senat nichts mehr zählen, und in der Kammer mit einer großen Mehrheitsprämie sind unsere territorialen Stimmen nicht mehr ausschlaggebend. Da wird es schwieriger. Da muss man argumentieren, überzeugen – und nicht nur erpressen und sagen, entweder so oder du kriegst meine Stimme nicht, wie wir es momentan im Senat noch machen können. Nächstes Mal wird es schwieriger werden. Aber, ganz wichtig: Das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass unser Vorschlag nicht angenommen wird. Es ist, als würden wir ein Fußballspiel spielen, und sogar wenn alles schiefgehen sollte, wäre das schlechteste Ergebnis immer noch null zu null. Nicht schlecht, oder?

Eine Frage zum aktuellen Tagesgeschehen: Was halten sie davon, dass die Regierung Renzi – wenn sie es denn war – (sie hat sich ja bereits davon distanziert) beim Besuch des iranischen Staatsoberhaupts in Rom die Kulturgüter verhüllt hat? 
Das war absolut übertrieben. Sicherlich. Obwohl ich den Gedanken, der dahintersteht, nicht hundertprozentig falsch finde und die Idee an sich nicht verurteilen würde. Man muss auch versuchen, andere Kulturen zu respektieren. Das Problem ist, dass in diesem Fall mehrere grobe Fehler gemacht wurden. Erstens, weil die iranische Kultur auch nicht eine arabisch-islamische ist, es gibt ja auch aus der persischen Kultur eine ganze Menge von solchen Statuen. Und zweitens, weil es eine Grenze geben muss, die in diesem konkreten Fall sicher überschritten wurde. Wo diese Grenze dann konkret liegen soll, das weiß ich nicht, das weiß kein Mensch. Das muss man dann von Fall zu Fall beurteilen. Ich finde auch nicht richtig zu sagen: Das sind unsere Werte gegen ihre Werte, und wir können keine Kompromisse finden. In diesem Fall war der Kompromiss einfach falsch. Aber die Idee, dass man sich aus Respekt Gedanken machen soll, halte ich für richtig.

„Wir sind momentan eine sehr starke Mannschaft – aber auch eine starke Mannschaft kann verlieren, wenn sie das Falsche tut.”

Wo sehen Sie die Zukunft Südtirols?
Ich glaube, wir haben unsere Zukunft in unseren Händen. Wir können nicht alles bestimmen, denn vieles hängt auch vom internationalen Umfeld ab. Aber wenn wir unsere Karten gut spielen, haben wir eine ziemliche rosige Zukunft vor uns. Ich glaube, alle Bedingungen sind gegeben. Wir dürfen uns aber nicht ständig für die Besten halten. Wieder das Beispiel Fußball: Wir sind momentan eine sehr starke Mannschaft – aber auch eine starke Mannschaft kann verlieren, wenn sie das Falsche tut. Aber ich bin zuversichtlich, trotz allem, trotz Provinzialismus und anderen Sachen. Wir haben die besten Karten in der Hand.

Wie sehen sie die Zukunft der EU? Positiv oder skeptisch?  
Darf ich die erste politische Antwort in diesem Gespräch geben? Ich will unbedingt hoffen, dass die Zukunft Europas positiv ist. Nicht, dass ich hundertprozentig davon überzeugt wäre – eher im Gegenteil. Aber ich sehe nur schwarz, sollte Europa aufgeben. Das ist nun eine halbpolitische Antwort, gebe ich zu, aber so muss es sein.

Wird Schengen bleiben?
Dieselbe Antwort: Ich hoffe sehr. Manchmal – und das gilt auf allen Ebenen, auch hier in Südtirol – sind wir uns unseren Glückes nicht bewusst. Ich halte es für gefährlich, mit solchen wichtigen Errungenschaften zu spielen. Schengen ist nicht nur eine praktische Erleichterung, sondern ein wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel.

Verlangt Schengen die Sicherung der EU-Außengrenzen?  
Egal, wie sicher die Außengrenzen sind, die Leute werden immer kommen. Das hat mit den starken Unterschieden in der Welt zu tun, und das werden wir nicht stoppen können. Wir müssen uns einfach Gedanken machen, wie wir damit umgehen. Teil davon kann auch eine Sicherung der Außengrenzen sein, es ist ja auch eine Kapazitätssache. Aber die Idee, dass wir Migration einfach verhindern können, ist absolut unrealistisch.

Wo sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?  
Ich hoffe sehr, dass meine persönliche Zukunft eine etwas ruhigere ist. Mein weiterer Weg ist die Forschung. Es freut mich auch, dass ich die Chance hatte, etwas zu bewegen in einer spannenden Zeit – denn es sind spannende Zeiten. Aber dann hoffe ich, dass ich ein ruhigeres Leben führen kann. Ich beneide alle, die hier leben und nicht pendeln müssen und es ruhiger haben.

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