“Wir Syrer vom Bahnhof Bozen” Franz Magazine, 9. Oktober 2015

Bozen, Grenze Europas. Bolzano, frontiera d'Europa

Wir Syrer vom Bahnhof Bozen

Maximilian Mayr
Ein Bericht von der Veranstaltung “Bozen, Grenze Europas. Bolzano, frontiera d’Europa” am 3.10.2015 in der Bahnhofsremise in der Schlachthofstraße 24 in Bozen, anlässlich des Jahrestages des Bootsunglücks vor Lampedusa. (http://franzmagazine.com/2015/10/09/wir-syrer-vom-bahnhof-bozen/)

“Die Aufnahme anderer bringt eine Bereicherung für die eigene Kultur mit sich.” – Diese Worte aus dem Mund des prominenten Jazz-Musikers Paolo Fresu geben wohl am besten den Geist der Veranstaltung “Bolzano – frontiera d’Europa. Bozen, Grenze Europas.” wieder, welche am 3. Oktober 2015 in der Bozner Bahnhofsremise vom Ausschuss für Menschenrechte des italienischen Senats organisiert wurde. Die Kundgebung fand anlässlich des zweiten Jahrestages der Tragödie von Lampedusa statt, durch welche über 350 Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken und traf  daher zahlreiche UnterstützerInnen aus Kunst und Kultur, die in Bozen ohne Gage auftraten.

Als einer der bekanntesten Teilnehmer rief der bereits erwähnte sardische Musiker Paolo Fresu zu mehr Offenheit gegenüber den Flüchtlingen auf: “Sardinien wurde durch seine Lage im Zentrum des Mittelmeers über Jahrhunderte von verschieden Völker und Stämmen erobert und beeinflusst und ist gerade deshalb heute sprachlich wie auch kulturell so einmalig. Der Austausch mit anderen Kulturen macht uns doch erst klar, wer wir wirklich sind.” Der italienische Jazz-Künstler wirft mit diesem Statement eine wichtige Frage auf: Wer sind wir Europäer eigentlich oder besser, welche Rolle wollen wir in der derzeitigen Flüchtlingskrise übernehmen?

Wie will Europa das Flüchtlingsproblem angehen? Während uns sehr positive Signale von Bahnhöfen in München, Wien oder auch der Südtiroler Landeshauptstadt erreichen, – hervorgerufen durch die zahlreichen freiwilligen Helfer, die sich der vielen Flüchtlinge annehmen, – zeichnet sich vielerorts und durch alle Gesellschaftsschichten hindurch doch ein Bild von Angst, Unverständnis und auch Intoleranz gegenüber Ankommenden ab. Vor allem rechtsgerichtete und ausländerfeindliche Parteien wie etwa die italienische Lega Nord oder die französische Front National erfahren seit Monaten starken Aufwind. Einige EU- Mitgliedsstaaten sehen ihr Geld gar besser verwendet Zäune zu bauen als Flüchtlingen medizinische Versorgung oder Essen anzubieten. Ein Status quo, dem viele TeilnehmerInnen der Bozner Veranstaltung kritisch gegenüberstehen, gehört Immigration doch seit jeher zur Menschheitsgeschichte dazu. Neben einer regulierten und kontrollierten Aufnahme, ist der zentrale Punkt um bestehende Ressentiments auszumerzen jedoch ein anderer und darin stimmen alle Beteiligten überein: Integration

Die Dauer der Asylanträge in den meisten europäischen Staaten dauert viel zu lange und hat zur Folge, dass Flüchtlinge bis zu zwei Jahren in irgendwelchen Lagern hausen müssen, ohne ein Wort der jeweiligen Landessprache zu erlernen. Abgeschnitten vom öffentlichen Leben, siechen Menschen so vor sich hin, werden perspektivlos oder sogar aggressiv. Um diesem Problem ein Ende zu setzen, hat der Ausschuss für Menschenrechte die sogenannte “Carta di Bolzano” verfasst, eine Sammlung von Vorschlägen, wie etwa eine  Überarbeitung des Dublin-Verfahrens, welches voraussetzt, dass ein Asylantrag von dem Land bearbeitet werden muss, in welches der Antragsteller eigereist ist. Dieses Dokument wir nun der Regierung vorgelegt. Doch das eigentliche Hauptanliegen der Veranstalter ist ein anderes. Auch hundert Petitionen und Gesetzesänderungen können Angst oder Fremdenhass nicht aus der Welt schaffen. Nur Toleranz und Offenheit überwinden Barrieren und schaffen somit ein gelungenes MiteinanderBolzano, frontiera d'Europa. Bozen, Grenze Europas.Senator Francesco Palermo sieht darin den wichtigsten Punkt: “Jeder kann ein Teil der Lösung sein. Das Flüchtlingsproblem wird wohl auch in nächster Zeit nicht kleiner werden, doch indem wir die Flüchtlinge nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit verstehen, profitieren wir alle von dieser Situation.” Weiterhin sei es wichtig, die Bevölkerung mit Veranstaltungen, wie dieser in Bozen, zu informieren und zu sensibilisieren. Die Organisatoren erhoffen sich ein starkes Signal von dem Event, hatte man doch Bozen symbolisch als “Grenze Europas” ausgewählt – Endstation für die meisten Flüchtlinge aus Afrika oder dem Nahen Osten, die nach Norden weiterreisen möchten.
Durch die strategische Nähe zu Österreich war Südtirol zusehends zum Hotspot in der italienische Flüchtlingsdebatte geworden. Alleine seit Jahresbeginn 2015 passierten 21.000 Menschen die Talferstadt, 826 AsylbewerberInnen sind derzeit im Land untergebracht.

Neuer Schwung für den alternden Kontinent. Ein wichtiger Punkt wird in der aktuellen Debatte aber oft übersehen, nämlich, dass die Ankunft Tausender Menschen nicht nur negative Folgen mit sich bringt, sondern durchaus auch ihre Vorzüge hat. Auf diese Tatsache weist der Präsident des Ausschusses für Menschenrechte im italienische Senat, Luigi Manconi, hin: “Europa kämpft seit Jahren mit niedrigen Geburtenraten und einer zunehmend alternden Bevölkerung. Vor allem Italien hat frische Energie dringend nötig. Neues Blut, mehr Arbeitskräfte und nicht zuletzt der Austausch mit anderen Kulturen macht Europa doch nicht schwächer sondern stärker denn je.” Der Senator findet es erfreulich, dass immer mehr italienische Familien Flüchtlinge aufnehmen, auch wenn es verständlich ist, dass nicht jeder dazu die Mittel hat. Im Allgemeinen ist Manconi folgender Meinung: “Diejenigen, die dazu in der Lage sind, Heldentaten zu vollbringen, werden es tun. Von den anderen erwarte ich mir nur, dass sie offener sind, die derzeitige Situation als große Chance begreifen und sich nicht von populistischem Geschwätz beirren lassen, welches nicht nur den MigrantInnen, sondern auch den EuropäerInnen selbst schadet.”

Lösungsvorschläge bitte… Welche Meinung man auch immer in der derzeitigen Diskussion vertritt – Flüchtlinge aufnehmen, auf verschiedene Territorien aufteilen, verstärkt in Entwicklungshilfe investieren, alles und jeden zurück ins Mutterland schicken – eines scheint doch gewiss: Der aktuelle Exodus von Menschen aus Ländern rund um das westliche Mittelmeer wird noch eine Weile anhalten. Die unkontrollierte Immigration der letzten Monate und Jahre hat Europa vor eine Zerreißprobe sondergleichen gestellt. Man kann sich jedoch nicht nur auf Regierungen und Politiker stützen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Was tun also? Es darf nicht vergessen werden, dass wir alle, ob in Südtirol oder im restlichen Italien, bis nicht vor allzu langer Zeit auf die Hilfe und Gastfreundschaft anderer angewiesen waren. Die Ressentiments, die auch hierzulande vorhanden sind, gilt es nun zu beseitigen. In den nächsten Wochen  werden die ersten Flüchtlinge über die ganze Provinz verteilt werden; in Einrichtungen nach Mals, Tisens oder Kastelruth. Jeder einzelne von uns kann einen Beitrag leisten, sich informieren und damit schließlich und endlich bei der Integration von Asylsuchenden helfen.Wir müssen verstehen, dass Niemand mehr dem Thema gleichgültig gegenüber stehen kann, sondern dass der Erfolg oder Misserfolg von Integration mit uns steht oder fällt. Denn, um es mit den knappen Worten von Theodor Fontane wiederzugeben: “Bloßes Ignorieren ist noch lange keine Toleranz.”

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